Von der „Schwäche“ loszulassen

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Ich habe sehr lange gebraucht bis ich mir die Krankheit wirklich eingestanden habe. Ich wusste das ich krank bin, das habe ich jeden Tag aufs Neue körperlich wie geistig gespürt. Trotzdem wollte ich es mir noch nicht wirklich eingestehen. Ich konnte…. nein ich wollte es einfach für mich nicht akzeptieren. Etwas in mir sagte immer wieder „Du hast schon so viel erlebt, so viel überstanden, da haut dich doch DAS jetzt nicht um!“ Im Grunde genommen weiß ich heute, dass die Antwort schon zu einem großen Teil in dem Satz selber lag. Im Januar 2020 sah ich das aber (noch) nicht.

Am 28.01.2020 hatte ich meine bis dahin schlimmste Panikattacke. Eigentlich war es nur ein normaler Kontrolltermin bei meinem Frauenarzt. Jede Frau kann mir sicherlich nachempfinden, dass der jährliche Termin zur Krebsvorsorge nicht unbedingt zu den angenehmsten Terminen im Leben einer Frau gehört. Doch an diesem Tag hatte ich mitten in der Brustultraschalluntersuchung eine Panikattacke. Eine meiner absoluten Ängste ist es Krebs zu bekommen. Ich muss dazu sagen, dass ich 2012 bereits Hautkrebs hatte, der aber vollständig entfernt werden konnte und ich, nach mehr als fünf Jahren ohne Befund, mittlerweile als geheilt gelte. Trotzdem war seit diesem Erlebnis die Angst immer wieder da. Die größte Angst hatte ich jedoch davor Brustkrebs zu bekommen. An diesem Tag lag ich auf der Liege im Untersuchungszimmer, der Raum war abgedunkelt, ich hatte überall auf dem Oberkörper dieses glitschige Gel und ich starte auf einen großen Bildschirm der extra für die Patientinnen an der gegenüberliegenden Decke angebracht war. Rechte Brust, linke Brust, linke Achselhöhle, rechte Achselhöhle, Rippenbogen, und wieder rechte Brust, linke Brust, noch mal rechte Brust…. Es dauerte gefühlt schon eine halbe Ewigkeit und immer wieder ging er auf die rechte Brust, machte irgendwelche Messungen und sagte aber nichts. Ich schaute abwechselnd zu ihm hoch und wieder auf den großen Bildschirm. Ich fand das er irgendwie besorgt aussah. „War da was? Sieht er was auf den Bildern? Oh mein Gott!“ Und dann kam der Punkt an dem ich merkte wie mir plötzlich ganz heiß wurde. Also nicht warm, sondern richtig beinahe brennend heiß und ich merkte wie, von den Füßen ausgehend, sich wie so eine Art „Welle“ nach oben schob. Mein Herz schlug wie verrückt. Mir war so heiß. Ich konnte nicht mehr still liegen, wollte am liebsten aufstehen und weglaufen. Ich fing an mich mit den den Armen zu bewegen. Plötzlich schaute er mich erschrocken an und sagte: „Ach du jeh was ist denn mit ihnen los? Sie sind ja schweißnass!“ Ich sah ihn nur an und fragte „Alles in Ordnung?“ und er antworte „Ja, alles soweit in Ordnung!“ Ich erzählte ihm daraufhin was gerade mit mir passiert war. Er versuchte mich zu beruhigen, aber ich war durch. Ich war plötzlich sowas von erschöpft…. Ich kam heim und habe den restlichen Tag nur noch gelegen.

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Den ganzen Januar und Februar konnte ich die Krankheit einfach nicht für mich akzeptieren. Jedem anderen Menschen hätte ich diese Krankheit zugestanden. Nicht gewünscht, aber ich hätte mit Verständnis und Hilfestellung reagiert. Nicht aber mir selbst gegenüber. Ich habe im Januar und auch im Februar immer regelmäßig meine Arbeits-Emails gelesen und wenn der Sachverhalt einer Email, sagen wir mal „technisch kompliziert“ klang, dann habe ich kontrolliert ob deren Umsetzung korrekt erledigt wurde und war dies nicht der Fall, dann habe ich es korrigiert. Ich konnte nicht loslassen.

Krankgeschrieben war ich zunächst bis zum 31.01.2020. Das war ein Freitag. Ich hatte ernsthaft schon überlegt am darauf folgenden Montag wieder arbeiten zu gehen, aber letztendlich ging ich doch zu meiner Psychologin und wurde weiterhin krankgeschrieben. Zum Glück! Ein Telefonat mit einer lieben Kollegin meiner Abteilung machte mir in der darauffolgenden Woche dann auch klar, dass es die richtige Entscheidung war. Denn während ich mir daheim schlimme Selbstvorwürfe machte mit Gedanken wie „du kannst doch nicht alle hängen lassen“ oder „es gibt so vieles was nur ich weiß wie man es macht“, haben sich andere Menschen, die sich eigentlich hätten Gedanken machen müssen, überhaupt keine Gedanken gemacht.

Tagebucheintrag Dienstag 18.02.2020

Depression ist so ein Arschloch!!!! Heute bzw. gerade kotzt mich diese Krankheit wieder total an. Das sich immer alles anstrengend anfühlt, man sich immer wieder aufraffen muss. Diese Momente wo man nur dasitzt und ins Nichts starrt. Wenn man überlegt was man eigentlich gerade tun wollte. Einfach so vieles vergisst. Sich nicht mehr an das gelesene bzw. die letzten Seiten eines Buches erinnert. Wenn man nach den richtigen Worten sucht. Es ist einfach furchtbar wenn man so vieles – auch Dinge die man gern hat – tun möchte und es einfach nicht schafft. Immer müde. Immer kaputt. ich bin jetzt schon so lange zu Hause und ich bin immer nur kaputt. Ich möchte mich am liebsten nur noch ein mein Bett verkrümeln, Decke über den Kopf und schlafen!

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Ich hatte weiterhin alle 14 Tage, manchmal waren es auch drei Wochen, meine Gesprächstherapie und ich las sehr viel über das was mit mir los war. Beides verhalf mir zu der Erkenntnis, dass ich erst ein Burnout und im Anschluss daran dann eine Depression bekam. Diese Konstellation ist auch gar nicht so unüblich. Wenn man bedenkt, dass jemand der ein Burnout hatte weil er sich aus den unterschiedlichsten Gründen oder Umständen heraus einfach viel zu lange viel zu viel zugemutet hat, plötzlich „Schachmatt“ gesetzt wird, der stürzt ganz unweigerlich in ein Loch. Plötzlich wird einem der Boden unter den Füßen weggezogen und man steht vor dem (gedachten) Nichts. Und es machen sich Gefühle wie Hilflosigkeit, Angst, Wut und Gedanken wie „Du bist nutzlos!“ in einem breit.

Meine erste Hausaufgabe

Ja Hausaufgabe! 🙂

Meine erste Hausaufgabe von meinem Therapeuten bestand darin alleine in ein Café zu gehen und ganz in Ruhe einen Kaffee zu trinken. Klingt einfach? Für die meisten Menschen ist es das mit Sicherheit auch. Für mich war schon allein der Gedanke daran ganz furchtbar. Unter Menschen zu sein(!) und dann ganz allein (!) da sitzen. Was denken sich dann die anderen Menschen? „Schau mal die ist ganz allein, die hat niemanden und muss jetzt ganz allein hier sitzen!“ Ziel dieser Hausaufgabe sollte es sein mein Selbstwertgefühl und mein Selbstbewusstsein zu stärken. Ich sollte den Mut aufbringen, sozusagen über meinen Schatten springen, ich sollte die Stille und die gefühlten Blicke der anderen Menschen aushalten.

Am 21.02.2020 war es dann soweit. Ich habe mich getraut. Ich ging morgens in das Café eines Bäckers. Ich holte mir einen großen Cappuccino und dazu ein Käsebrötchen und später sogar noch einen Pfefferminztee. Ich war unglaublich stolz auf mich in diesem Moment. Ich saß zwar ganz hinten in einer Ecke, aber das war mir egal. Ich habe mich getraut! Es war auch richtig viel los. Einige Menschen frühstückten zu zweit, aber andere waren auch ganz allein dort. Eine Frau telefonierte die ganze Zeit. Ein älterer Mann las in seiner Zeitung und ein anderer Mann mittleren Alters tippte irgendetwas in seinen Laptop und trank immer wieder zwischendurch von seinem Kaffee. Und obwohl ich es vorher nicht dachte, fühlte es sich gar nicht so schlimm an, und ich fühlte mich auch gar nicht allein. Und was noch viel besser war: keiner schien auch nur Notiz von mir zu nehmen. Alle waren so mit sich selber beschäftigt und plötzlich war ICH diejenige die die Leute beobachtete. Ich war innerlich total ruhig und als ich ging wusste ich, dass ich das nicht zum ersten und letzten Mal gemacht habe.

Auch die nächsten Hausaufgaben gingen primär weiterhin darum mein Selbstbewusstsein und somit mein Selbstwertgefühl zu stärken. Das war nämlich ganz ganz klein! Auf die Frage hin, was mir denn so Spaß machen würde, konnte ich meinem Therapeuten in einer der nächsten Therapiestunden keine Antwort geben. Verrückt oder? Ich konnte nichts benennen, so rein aus dem Bauch heraus, was mir Spaß bringt. Also haben wir zusammen eine kleine Liste erarbeitet, die ich in den nächsten Wochen „abarbeiten“ sollte.

Folgende Dinge standen auf meiner Hausaufgabenliste:

  • in die Sauna fahren
  • spazieren gehen an einem Ort wo ich noch nicht war
  • am besten gleich morgens spazieren gehen
  • noch mal einen Kaffee trinken gehen
  • mich mit Freunden verabreden

Nach meinem ersten Erfolgserlebnis war ich sogar auch richtig davon überzeugt, dass ich diese Aufgaben alle schaffen würde. Ich freute mich sogar darauf! Am 12.03.2020 bin ich in eine Therme gefahren zum saunieren UND ich war vorher noch nie dort, kannte mich also überhaupt nicht aus. Es war ein großartiger Tag. Ich war fast den ganzen Tag dort, konnte mich sogar richtig entspannen und fühlte mich total wohl.

Am Tag darauf fuhr ich eine Arbeitskollegin besuchen, die zu diesem Zeitpunkt in Elternzeit war. Mit ihr hatte ich mich schon immer gut in der Arbeit verstanden und wir waren früher auch schon mal gemeinsam auf Konzerten. Auch dieser Tag war richtig schön. Wir konnten gut miteinander reden. In mein Tagebuch schrieb ich an diesem Abend:

Ich würde mir wünschen das wir richtig gute Freundinnen werden. Es ist schön sich mit ihr zu unterhalten und ich glaube es tat uns beiden gut. Sie ist wirklich eine ganz Liebe!

Insgesamt kann ich sagen, das es bis Mitte März 2020 gedauert hat, bis ich diese Krankheit wirklich für mich annehmen konnte. Es gab dafür keinen Tag X. Vielmehr war es so, dass ich irgendwann in dieser Zeit angefangen habe diese Krankheit auch als Chance wahrzunehmen. Ich merkte, dass es nichts nutzte wenn ich gegen sie und somit gegen mich ankämpfte. Irgendetwas wollte mein Körper und meine Seele mir mitteilen, und anstatt mir weiterhin „die Ohren zuzuhalten“, wollte ich jetzt hinhören. Die ganzen vielen letzten Wochen wollte ich mir diese „Schwäche“ nicht eingestehen. Ich wollte wie immer stark sein. Mein eigener Fels in der Brandung. So war es immer. Aber manchmal oder vielleicht auch öfters, ist loslassen keine „Schwäche“, sondern die eigentliche Stärke!

Als ich gerade anfing Hoffnung für mich zu gewinnen. Als ich gerade anfing ganz offen mit dieser Erkrankung umzugehen, mich ihr zu stellen, da passierte das, mit dem wohl nie jemand von uns gerechnet hatte! CORONA!

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Am 16.03.2020 wurde für Bayern der Notstand ausgerufen und ab dem 17.03.2020 stand hier das ganze öffentliche Leben plötzlich still. Konzerte und Veranstaltungen wurden in den vergangen Wochen schon alle abgesagt. Doch jetzt wurden auch zum Beispiel Kinos, Hotels und Fitnessstudios geschlossen. Restaurants durften nur noch bis 15 Uhr öffnen und es mussten Sicherheitsabstände eingehalten werden. Lebensmittelmärkte, Drogeriemärkte und Tankstellen hatten weiterhin ganz normal geöffnet, aber auch hier musste man Sicherheitsabstände von 1,5 m einhalten und durfte Geschäfte nur noch mit einer Mund- und Nasenmaske betreten. Die Menschen machten plötzlich einen großen Bogen um einen, man sah wie alle versuchten sich gegenseitig aus dem Weg zu gehen. Die Straßen waren plötzlich ganz leer. Ein paar Tage später, ab dem 21.03. galt für Bayern eine Ausgangssperre. Man durfte noch einkaufen gehen aber ansonsten lediglich zum spazieren gehen und für Sport im Freien durfte man das Haus verlassen. Baumärkte, Friseurgeschäfte, Tattoo Studios und auch die Gastronomie wurden komplett geschlossen.

Was zuvor für mich persönlich eine Notbremse war, war plötzlich für die ganze Gesellschaft eingetreten. Stillstand. Ich bin mir sicher, dass es sich für alle Menschen total befremdlich angefühlt hat. Für mich war es teilweise kaum auszuhalten. Aber darüber ein anderes Mal dann mehr!

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