„Damals“ und „Heute“

Es gibt Momente, da habe ich das Gefühl, es hätte sich nichts in den letzten ca. 1,5 Jahren seitdem ich krank geworden bin, geändert. Dann habe ich den Eindruck, ICH hätte mich nicht verändert, und das ich, und allgemein alles um mich herum, noch genau so ist wie damals.

Und dann gibt es aber auch wieder Momente, da habe ich das Gefühl ein vollkommen neuer Mensch zu sein. Als ob sich meine kleine Welt vollkommen verändert hat. Auf mentaler Ebene möchte man meinen, dass sich letzteres sehr viel besser anfühlt. Aber das tut es auch nicht immer. Es ist ungewohnt und manchmal macht es mir auch Angst.

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„Damals“ habe ich eigentlich nur noch funktioniert. Ich habe mich um alles und jeden gekümmert – nur nicht um mich. Aber das war mir selber gar nicht bewusst. Ich habe wie ein Roboter alles gemacht von dem ich dachte, dass es gemacht werden muss, und von dem ich annahm, dass andere es von mir erwarteten. Ich hatte gerne ein offenes Ohr für die Probleme und Sorgen Anderer, und suchte für sie nach Lösungen, Alternativen und Kompromissen. Ich war perfekt im Ratschläge geben. Ich habe das auch immer gerne gemacht, gab es mir doch das Gefühl wichtig zu sein und gebraucht zu werden. Ich habe ganz oft nach Bestätigung gesucht. Bestätigung dahingehend, dass ich spüren wollte das ich wertvoll bin, das ich für jemanden wichtig bin und ich in gewisser Weise eine Daseinsberechtigung habe. Aber innerlich, in mir drin…. innerlich war ich damals einfach nur noch leer. Aber darüber war ich mir damals nicht wirklich bewusst. Irgendwann glich einfach jeder Tag nur noch dem vorherigen – aufstehen – arbeiten – Haushalt – Kind – schlafen. Für mich „fühlte“ sich das „normal“ an. Wobei das Wort „fühlen“ hier wohl absolut deplatziert ist. Manchmal fragte ich mich innerlich schon „Ist das Alles?“.

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„Damals“ war ich die, die immer taff war. Die, die sich nichts hätte sagen lassen, die die scheinbar unbeirrt ihren Weg gegangen ist. Scheiß drauf was andere denken und sagen – „Ist mir doch egal!“ Alle Welt – und auch ich – sollten glauben, dass ich stark bin. „Nichts bringt mich so schnell ins wanken.“„Ich gegen den Rest der Welt“ Nichts und niemand sollte glauben, mir mit Worten und Taten weh tun zu können. Ich wollte in gewisser Weise unnahbar sein, oder zumindest spiegelte ich das durch mein Verhalten, durch meine Worte und meinem Auftreten wieder. Möglichst niemand sollte wissen wie es in mir aussieht. Jeder sollte nur das von mir zu sehen bekommen, was ich bereit war von mir zu zeigen. Insbesondere galt das für mich in der Arbeit.

Müsste ich die letzten Monate mit einem einzigen Wort beschreiben, dann wäre es wohl „Selbstreflexion“.

Selbstreflexion bezeichnet die Tätigkeit, über sich selbst nachzudenken. Das bedeutet, sein Denken, Fühlen und Handeln zu analysieren und zu hinterfragen mit dem Ziel, mehr über sich selbst herauszufinden. 

Wikipedia

„Heute“ weiß ich, dass mein „Damals“ größtenteils nur eine Art Schutzschild war. Ich habe über viele Jahre fast mühsam eine „unsichtbar Mauer“ um mich aufgebaut. Ich wollte und konnte einfach nicht zulassen das mir jemand wirklich nah kommt. Damit meine ich nicht die körperliche Nähe, sondern die gefühlsmäßige Nähe. Dahinter steckte einfach nur Angst! Angst die bei mir ganz existenziell war. Die Angst nicht angenommen zu werden, nicht gemocht zu werden, Angst zu versagen, Angst etwas falsch zu machen, Angst nicht zu genügen. Indirekt habe ich durch mein damaliges Verhalten nur verhindern wollen, das man mir weh tut. Also habe ich versucht niemandem zu zeigen wer und wie ich wirklich bin bzw. wer und wie ich auch sein kann – ich glaube ich wusste es damals irgendwann selber nicht mehr – und im Grunde habe ich mich damit selbst belogen. Ich habe mich im laufe der Zeit immer mehr distanziert. Distanziert zu anderen Menschen, aber in erster Linie zu mir selbst.

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„Heute“ ist diese unsichtbare Mauer für mich gefühlt fast gänzlich gefallen. Mein Leben und auch ich sind nicht mehr so „laut“ wie früher. Ich bin innerlich sehr ruhig geworden. Ich fühle mich mehr bei mir und glaube das ich endlich ICH bin. Ich bin zufrieden mit mir! Am Anfang dieses Weges hätte ich nie gedacht, dass ich das jemals über mich sagen würde! Allein nur dieser eine Satz:

ICH BIN ZUFRIEDEN MIT MIR!

Der fühlt sich so großartiger an.

„Heute“ ist mein „Schutzschild“ fast vollständig weg, und ich fühle mich oftmals verletzlicher als jemals zuvor. Es macht mich in gewisser Weise ja auch verletzlicher als jemals zuvor. Und das wiederum macht mir ehrlich gesagt sehr oft große Angst.

Ich habe erkannt, dass ich sehr viele tiefsitzende Muster, sogenannte Glaubenssätze habe. Und diese Glaubenssätze haben immer wieder mein Leben unbewusst bestimmt. Sie haben mich in den unterschiedlichsten Situationen auf die immer gleiche Weise reagieren und agieren lassen. Wie eine Art Programmierung die unterbewusst abgelaufen ist. Und diese Programmierungen gibt es auch heute noch. Aber heute bin ich mir ihrer (mehr) bewusst. Und damit einher geht ein gewisse Angst. Und diese Angst einfach da sein zu lassen, sie nicht überzubewerten und mich nicht in ihr zu verlieren…. das fällt mir sehr schwer.

„Heute“ bin ich immer noch auf Distanz zu anderen Menschen. Es ist aber eine andere Distanziertheit als früher. Ich schenke nicht mehr jedem und allem meine Aufmerksamkeit. Ich denke mehr an mich. Dadurch habe ich jetzt zwar noch weniger Menschen um mich herum, aber deren Qualität (wenn man es denn so bezeichnen möchte) ist eine Andere, eine Bessere. Manchmal ist weniger dann doch mehr.

„Heute“ fällt mir es mir immer noch sehr schwer auf neue Menschen zuzugehen. Und es fällt mir auch schwer den Kontakt zu neuen Menschen zu halten. Nicht weil ich es nicht will, ich weiß auch ehrlich gesagt gar nicht warum das so ist… Vielleicht bin ich zu sehr auf „Ich mach das allein“ gepolt.

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Mit den vielen Veränderungen die ich an mir festgestellt habe, ist aber auch eine neue Angst hinzugekommen. Ich habe Angst vor meinem alten ICH bzw. davor, dass es irgendwann wieder so sein könnte wie „damals“. Ich habe Angst in alte Verhaltensmuster zurück zu fallen. Ich habe Angst, dass ich noch einmal an so einen Punkt komme wie Mitte/Ende 2019. Davor habe ich wirklich furchtbare Angst. Und das ist eine richtige existenzielle Angst. Würde ich das noch einmal schaffen? Das sind dann sehr schlimme Momente für mich und ich merke, dass ich mich immer noch in solche Ängste reinsteigern kann und das es mir schwer fällt sie einfach auszuhalten.

Achte auf deine Gedanken! Sie sind der Anfang deiner Taten.

Chinesische Weisheit

„Heute“ hinterfrage ich, ob ich jemals wieder eine Beziehung habe kann bzw. ob ich das überhaupt möchte! Ich bin was dieses Thema angeht gefühlt noch kein Stück weiter gekommen. Manchmal denke ich, dass ich es möchte und das es doch eigentlich ganz schön wäre. Und andererseits spricht für mich zu viel dagegen. Aber auch hier spielt sicher wieder die Angst vor dem verletzt werden mit hinein. Ich weiß einfach nicht, ob ich einen Mann in mein Leben lassen kann, ob ich noch einmal einen Versuch starten soll. Aktuell macht mir das einfach zu viel Angst. Mein Therapeut macht es in fast jeder Therapiestunde zum Thema. Aber ich will mich dem irgendwie noch nicht so ganz stellen. Zu viele Fragen und Unsicherheiten. Insgeheim glaube ich, hatte ich immer eine sehr romantische Vorstellung von einer Beziehung. Diese Vorstellung konnte der Realität jedoch nie standhalten. Lag es an mir, an den anderen, daran das ich keine „Vorbilder“ hatte die es zu erreichen galt? Sicherlich auch davon von allem etwas. Fakt ist, ich war noch nie so lange Single wie ich es jetzt bin! Aber gerade fehlt mir auch nichts, ich vermisse nichts und die Argumente die dagegen sprechen sind einfach zu viele und zu „laut“ in meinem Kopf.

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„Damals“ hatte ich keinerlei Träume und Ziele für mich. Ich lebte eigentlich nur für die Arbeit und wenn ich nach Hause kam, dann wartete meine Tochter und der Haushalt auf mich. An den Wochenenden um den Garten kümmern, Rasen mähen, Müll zur Deponie fahren, einkaufen fahren, Haushalt schmeißen…. das habe ich als mein Leben definiert. Für alles andere, dachte ich, hätte ich schon mal die Zeit bzw. ich glaube ich kam größtenteils noch nicht einmal auf die Idee, dass da noch etwas anderes möglich wäre. Und ich glaube ich wusste noch nicht einmal so genau was „alles andere“ für mich überhaupt bedeutet.

„Heute“ habe ich schon sehr viele Sachen gefunden dir mir Freude bereiten. Manchmal fällt es mir fast schwer mich zwischen ihnen zu entscheiden 🙂 Ich habe zum ersten Mal auch Träume und Ideen die ganz allein MEIN Leben betreffen, die nur für MICH sind. Heute macht mir „nur“ ein Virus einen Strich durch die Rechnung. Ich glaube, ich wäre ansonsten auch schon in diesen Punkten um einiges weiter. Aber ich bin gespannt auf das was noch kommen wird und ich freue mich darauf.

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Ich weiß das ich noch so einige Entscheidungen treffen muss. Ich weiß, dass ich noch viele innere „Baustellen“ habe. Aber allein schon das ich mir dieser „Baustellen“ bewusst bin, fühlt sich schon sehr gut an. Nichts ist schlimmer als das, was man nicht benennen kann, was man aber permanent in sich spürt. Wahrscheinlich oder eventuell wird sich auch einiges nicht vollständig auflösen lassen. Aber „heute“ will ich versuchen mich auch der damit einhergehenden Angst zu stellen, mutig sein, aufgeschlossen und vor allem zuversichtlich.

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