Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt!

Anfang März war ich super optimistisch. Zwei meiner Hausaufgaben hatte ich ja schon gleich erledigt (In die Sauna gehen und mich mit einer Freundin treffen). Und auch die nächste Hausaufgabe lief richtig gut. Es begann wie ein ganz normaler Spaziergang meiner (wie ich sie immer nenne) Hof- und Wiesenrunde. Eine Strecke die ich ganz oft laufe, weil sie landschaftlich schön und auch ruhig ist und außerdem geht sie ein ganzes Stück an einem Fluss entlang. Und ich mag Wasser total gerne zum anschauen!!

Die Hausaufgabe bestand darin, beim spazieren gehen nicht nachzudenken! Kein Grübeln, aufkommende Gedanken am besten sofort wieder wegzuschicken. Sie bestand darin, den Moment einmal voll und ganz wahrnehmen. Man könnte auch den Begriff Achtsamkeit dafür verwenden. Sich nur auf das Hier und Jetzt fokussieren.

Also lief ich los. Das Wetter war schön, die Sonne schien und es wehte ein leichter Wind. Ich versuchte den Blick nicht nach unten auf den Boden zu richten, sondern nach oben in den Himmel oder rechts und links neben mir. Das war zeitweise gar nicht so einfach. Auch das mit dem „nicht nachdenken“ ist einfacher gesagt als getan. Ich ertappte mich immer wieder dabei, wie ich an irgendetwas dachte, aber es gelang mir zunehmend mehr mich auf den Moment einzulassen. Ich blieb ganz oft stehen, machte die Augen zu und atmete mehrmals die frische Luft tief ein und aus. Das tat richtig gut. Ich begann immer öfter zu lächeln und fühlte mich sehr wohl. An einer Baumallee blieb ich abermals stehen, schloss die Augen und lauschte. Der Wind in den Bäumen hörte sich mit etwas Phantasie wie Meeresrauschen an. Das war ein großartiger Moment! Nach dem Spaziergang war ich zwar kaputt, weil ich auch echt lange unterwegs war, aber ich war auch irgendwie zufrieden und innerlich ruhig.

Bilder von meiner Hof- und Wiesenrunde

Ich hatte den ganzen März und April über aber nicht nur schöne Momente. Hochs und Tiefs wechselten sich so gut wie immer ab. Hinzu kam, dass durch die von Corona getroffenen Maßnahmen, wie die andauernde Ausgangssperre und das Kontaktverbot, mich doch auch sehr belasteten. Man sah kaum noch jemanden draußen. Die Straßen waren total leer. So viele Geschäfte hatten geschlossen. Begegnete man vereinzelt Menschen beim spazieren gehen, dann machten sie einen riesigen Bogen um einen. Im Supermarkt fühlte es sich teilweise an wie Spießrutenlaufen. Jeder versuchte ja keinem anderen zu Nahe zu kommen. Es war eine wirklich krasse Umstellung für das private Leben von jetzt auf gleich. Ich empfand es anfangs als total befremdlich und ich kam mir öfters ziemlich ausgegrenzt vor. Ich wusste zwar, dass die Menschen keinen Bogen um mich als Person machten, sondern aus Angst vor der Krankheit, aber trotzdem empfand ich es als belastend. Ich hatte mich auch sehr auf den Besuch meiner Schwestern mit ihrer Familie über Osten gefreut, aber auch das kam durch die Kontaktbeschränkungen nicht zustande. Darüber war ich sehr sehr traurig.

Durch die Ausgangssperre und das Kontaktverbot konnte ich auch nicht wirklich an meinen Hausaufgaben weiterarbeiten. Keine netten Menschen treffen, kein Besuch im Tierpark, keinen Kaffee trinken gehen, nichts…. Mehr als spazieren gehen war nicht mehr drin. Und auch das durfte man ja nur in seiner unmittelbaren Umgebung. Es fühlte sich für mich ganz oft wie totaler Stillstand an und darüber war ich an vielen Tagen sehr verzweifelt. Beinahe täglich änderte sich meine Stimmung. Ich konnte mich quasi auf mich selbst nicht mehr verlassen. An manchen Tagen wusste ich gleich beim wachwerden, dass heute kein guter Tag wird. An anderen Tagen kamen diese Momente von jetzt auf gleich, scheinbar ohne jeglichen Grund.

Ich versuchte andere Beschäftigungen zu finden.

Ich bestellte mir ganz viele Pflanzen für meinen Garten über einen Online Händler und fing an in meinem Garten zu arbeiten. Ich hab Bete angelegt, Erde umgegraben, Sträucher und jede Menge Blumenzwiebeln gepflanzt. Außerdem besorgte ich mir einiges an Gemüsepflanzen. Ich habe Kartoffeln, Zucchini, Paprika und Tomaten in Kübeln angepflanzt. Außerdem noch ein paar Beerensträucher. Das war körperlich total anstrengend für mich. Es war wirklich richtig viel und die Arbeit daran schien gar kein Ende zu nehmen. Ich habe allein dafür mehrere Tage gebraucht.

Eines der Beete die ich neu angelegt hatte (für den vielen Buchs kann ich allerdings nichts)

Ich habe im Internet recherchiert, wie ich bei Fahrrädern die Bereifung (also Fahrradschlauch und Mantel) wechsle. Das hatte ich zuvor noch nie gemacht. Ich habe mir das entsprechende Equipment sowie neue Reifen online besorgt und dann schließlich auch mein Fahrrad wieder fahrbar gemacht. Das brauchte auch mehrere Tage, da ich immer wieder im Internet nach Videos gesucht und geschaut hatte, wie das eine oder andere gemacht wird. Aber am Ende hat es funktioniert.

Mein Fahrrad noch mit alten Reifen.

Ich habe angefangen Bücher zu lesen, was mir früher so gar keinen Spaß gebracht hatte und ich auch (gefühlt) nie wirklich Zeit dafür hatte. Aber jetzt bestellte ich mir Sachbücher über Burnout und Depression. Das lesen fiel mir in dieser Zeit nicht wirklich leicht, weil meine Konzentration und dadurch auch meine Auffassungsgabe ziemlich eingeschränkt waren. Das hat mich des Öfteren ziemlich frustriert, weil ich ja wollte, aber es nicht hinbekommen habe.

Ich habe immer wieder versucht Sport zu machen. Bis wenige Monate vor meiner Erkrankung habe ich eine ganze lange Zeit lang richtig viel Sport gemacht. Ich war an bis zu 6 Tagen die Woche im Fitnessstudio und war, was meine körperliche Veränderung anging, auf einem echt guten Weg. Aber schon ein paar Monate bevor ich dann krank wurde, wurde auch das immer mehr zur Belastung für mich und ich hatte auch keine „Kraft“ mehr dazu, weil ich mich schon zu der Zeit sehr schwach fühlte. Im März 2020 habe ich dann mit Yoga und Meditation angefangen und das war, und ist es auch heute noch, für mich eine absolut tolle Erfahrung. Ich hatte sogar über meine Krankenkasse einen Yoga Kurs gebucht, der dann aber wegen Corona nach der 3. Stunde abgesagt wurde. An schlechten Tagen hat mir Yoga und auch Meditation besonders gut getan. Durch die Fokussierung auf die Atmung, konnte ich das eine oder andere Tief erheblich mildern.

Das war der Raum wo mein Yoga Kurs stattfand

Meine eigene kleine Yoga Ecke in meinem Schlafzimmer

Ich habe in dieser Zeit meinen Kaffee Konsum drastisch reduziert und stattdessen gerne mal auch einen leckeren Tee getrunken (besonders gerne abends). Für mich war das eine totale Umstellung, denn ich habe früher jede Menge Kaffee über den ganzen Tag verteilt getrunken. Ich war ein richtiger Junkie! Jetzt trinke ich auch noch Kaffee, aber nur noch am Morgen. Dann aber in aller Regel gleich zwei große Tassen hintereinander – muss sich ja lohnen 🙂

Ja, und auch sonst war ich sehr fleißig! Ich versuchte auch in dieser Zeit meine Wohnung, die mit 4 Zimmern und einer Wohnfläche von 140 m² nicht gerade klein ist, wie früher auch akribisch sauber zu halten. Staubsaugen, Staubwischen, Wäsche waschen, Küche aufräumen, Betten machen, Bad putzen, Küchenschränke sauber halten (ich habe eine Küche mit Lackfronten – war nicht meine Idee) und all das was dazu gehört.

Und ich habe meinen Keller und meine Garage aufgeräumt. Ich glaube ich muss niemandem erzählen was allein das an Arbeit war.

Alles in Allem habe ich in diesen beiden Monaten verdammt viel gemacht! An Tagen wo es mir gut ging, habe ich voll zugeschlagen und kaum ein Ende gefunden. Meistens lag ich am darauffolgenden Tag dann natürlich flach, weil es einfach zu viel war und ich körperlich eigentlich schon nach kurzer Zeit kaputt war. An Tagen wo es mir gut ging, habe ich auch nie ein wirkliches Ende gefunden. Immer wieder entdeckte ich NOCH MEHR was es zu erledigen galt, immer wieder sagte ich mir „Das noch, und dann höre ich auf!“. Manchmal tat ich das dann auch, aber des Öfteren auch nicht, weil ich wieder noch etwas anderes fand und es „nur noch schnell“ erledigen wollte. Ganz oft saß ich abends da und konnte überhaupt nicht mit mir zufrieden sein. Es stellte sich kein wirkliches Erfolgserlebnis für mich ein. Selbst wenn ich einen Satz damit begann „Heute habe ich viel geschafft…“ kam gleich hinterher „…nur leider das nicht!“ Ich war mit meiner Leistung nicht zufrieden.

Mein Therapeut meinte in einer der währenddessen stattfindenden Sitzungen, dass ich viel zu viel mache. Selbst für einen körperlich und geistig gesunden Menschen wäre das schon richtig viel gewesen. Meine Hausaufgabe bestand darin, bis zur nächsten Sitzung alles pro Tag aufzuschreiben was ich gemacht habe und auch zu notieren wie ich mich dabei oder danach gefühlt habe. Er meinte, dass wir (Menschen) manchmal Dinge tun, weil wir meinen, wir müssen sie machen. Wie so eine Art ungeschriebenes Gesetz. Und das es auch einfach richtig viele Dinge gibt, wo sich gar kein Erfolgserlebnis einstellen kann. Das sind Dinge die in der Natur der Sache überhaupt niemals fertig werden. Dazu zählt zum Beispiel auch das saubermachen der Wohnung. Da gibt es kein wirkliches Ende. Man entdeckt immer in der nächste Ecke etwas, was noch nicht dem gedachten Ideal entspricht.

Also schrieb ich alles auf was ich pro Tag machte. Gefühlsmäßig war es tatsächlich ein ständiges auf und ab. An machen Tagen machte ich total viel und vermerkte aber trotzdem das ich mich nicht gut fühlte. An dem darauffolgenden Tag lag ich entweder ganz flach oder hab nur ein oder zwei Dinge erledigen können, weil ich für mehr viel zu kaputt war. Und an diesen Tagen war ich dann natürlich auch sehr frustriert.

Tagebucheintrag 17.04.2020

18 Uhr und ich bin total erledigt. Ich habe gefühlt heute wieder echt zu viel gemacht. Manchmal hab ich mich dabei sogar über mich selber geärgert. Zum Beispiel gleich am Vormittag: Ich wollte eigentlich nur in die Küche gehen um meine Medikamente zu nehmen. Stattdessen räume ich erst die Spülmaschine aus und wieder ein, wische alle Küchenflächen ab, wische den Backofen aus und spüle Gläser von Hand ab, weil die nicht mehr in die Spülmaschine gepasst haben. Danach habe ich noch den Futterplatz der Katzen sauber gemacht und ihnen Futter und frisches Wasser hingestellt und erst DANN habe ich meine Tabletten genommen. Ansonsten habe ich heute noch:

Wohnung aufgeräumt

Garage aufgeräumt

ich war einkaufen

mit Hanna zusammen ihr Fahrrad sauber gemacht

zum Wertstoffhof gefahren und Müll weggebracht

Und jetzt sitze ich hier, bin mega platt und versuche mir zu sagen „Gut gemacht Alex!“, „Super Alex!“, „Sei stolz auf dich Alex!“ und es funktioniert nicht wirklich. Morgen will ich unbedingt den Rasen mähen und Fahrrad fahren.

Tagebucheintrag 19.04.2020

Gestern war wieder schlimm! Ich habe sehr schlecht geschlafen. Ich träume zur Zeit fast jede Nacht und leider sind es keine guten Träume. Sie sind voller Gewalt…….

Gestern fiel es mir dann total schwer aufzustehen. Gegen 10 Uhr habe ich es geschafft und dann bin ich auch ziemlich gleich raus in den Garten, weil ich es mir ja vorgenommen hatte. Aber es war die reinste Qual. Normal macht mir Rasenmähnen echt Spaß, aber gestern war es echt schlimm. Danach war ich schon total fertig. Ich bin dann aber noch zum Wertstoffhof gefahren um den Rasenschnitt wegzubringen und hab dann noch ein paar Kleinigkeiten eingekauft. Danach konnte ich mich nur noch hinlegen. Ich war total kraftlos, ausgelaugt, innerlich total unruhig und auch meine Atmung war wieder total unregelmäßig. Und ich war wieder so sauer auf mich. Mit kotzt das einfach so sehr an! Mein Magen spinnt auch schon wieder seit zwei Wochen. Alles zum kotzen! Heute habe ich mir erst gar nichts vorgenommen. Ich bin nur faul. Ich kann es nicht ändern.

Wenn nichts mehr geht….

Das aufschreiben meiner Aktivitäten und meiner täglichen Stimmung hat mir sehr viel gebracht. Ich habe dadurch schon auch selbst erkannt, dass es zu viel war was ich mir zugemutet hatte. An dem Tag selbst habe ich es nicht so gesehen, aber wenn ich mir dann die Einträge von einer Woche durchlas wurde es auch mir klar. Wäre ich gesund gewesen, wäre das vielleicht noch in Ordnung gewesen, aber ich war krank! Aber es hat mir noch viel mehr gebracht. Ich habe diese Krankheit auch etwas mehr verstanden. Ich habe gemerkt, dass es nicht an mir als Mensch lag, dass ich mich so fühlte und auch das ich solche Gedanken hatte.

Für meinen Therapeuten war die nächste Hausaufgabe ganz klar! Ich durfte bis zur nächsten Sitzung nur noch eine Sache pro Tag mache die ich meine machen zu müssen und ich musste mindestens eine Sache pro Tag machen, die ganz allein für mich ist. „Was bringt Ihnen Spaß?“ fragte er mich. Und ich saß da und wusste nicht was ich sagen sollte. (Das hat mich auch Tage später noch beschäftigt. Ich wusste nichts was mir Spaß bringt…..) Ich sagte dann nach einer Weile „Sport, ….Yoga…..“ Und er meinte „Ja aber das machen sie ja schon immer mal wieder, und es bringt Ihnen zwar etwas, aber so richtig auch nicht!“ Hhhmm, da war guter Rat teuer. Ich konnte nichts benennen bei dem ich wirklich richtig Freude empfand, was mich glücklich machte, was mich die Zeit vergessen lies. Dann frage er mich „Was wollten Sie in ihrem Leben schon immer mal tun?“ Und ich antwortet wie aus der Pistole geschossen „Gitarre spielen können“ Und da was sie geboren, meine nächste Hausaufgabe!

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