Wo geht´s lang bitte?

Ein Wendepunkt – Was ist das überhaupt?

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Momente an dem man sich ganz genau bewusst ist, dass das eigene Leben oder das eigene Handeln nicht mehr so weitergehen kann bzw es nicht sollte wie bisher hatte schon jeder von uns. Eine schlimme aber überstandene Krankheit, die x-te Beziehung die gescheitert ist, anhaltender Frust im Job, Familiendramen usw. Ein jeder kennt das.

In solchen Momenten hat man meiner Meinung nach nur zwei Möglichkeiten zu reagieren. Ignorieren und weiter machen wie bisher, oder „Augen auf und durch“. Ja ich weiß, der Spruch heißt eigentlich „Augen zu und durch“. Aber auf dem Weg der bei dieser Möglichkeit vor einem liegt, sollte man besser hellwach und aufmerksam sein. Er ist zugegebenermaßen auch der schwierigere Weg von beidem. Einfacher ist es einfach so weiterzumachen wie bisher. Das tut einem zwar nicht gut, aber da kennt man sich aus und man weiß worauf man sich einlässt. Ich verurteile letzteres nicht! Ich habe selbst jahrelang danach gehandelt.

Also dann „Ärmel hochkrempeln und los“ oder etwa nicht?

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Tatsächlich war ich am Anfang meines Wendepunks noch energiegeladen. Von meiner Allgemeinärztin, bei der ich am 25. Oktober 2020 weinend saß, wurde ich erst einmal sechs Wochen krank geschrieben. Dieses Mal auch ohne Protest meinerseits. Ich sollte mich zunächst erst einmal nur ausruhen, nichts machen und sie verschrieb mir Beruhigungstabletten. Das ausruhen und nichts machen war aber gar nicht so einfach, und so verliefen die sechs Wochen insgesamt eher holprig und unkoordiniert. Ich versuchte viel damit es mir besser ging. Ich ging spazieren, versuchte wieder zum Sport zu gehen, habe angefangen Bücher zu lesen. Aber ich dachte auch sehr viel an die Arbeit und es ging mir überhaupt nicht gut bei diesen Gedanken. Ich kam mir manchmal vor wie in einem Film, habe agiert und reagiert, aber war nicht der Regisseur. Es ist schwer diesen Zustand zu beschreiben. Ich dachte immer noch, das ich jetzt nur so eine Art Liste abarbeiten müsste und war davon überzeugt, dass dann schon wieder alles in Ordnung sei.

Und so versuchte ich auch nach den sechs Wochen wieder arbeiten zu gehen. Ich nahm immer wieder einzelne Urlaubstage und versuchte in der Arbeit kürzer zu treten. Kurz vor Weihnachten hatte ich einen Termin bei einer Psychologin. Auch dort weinte ich und erzählte ihr Dinge, sie sprudelten förmlich aus mir heraus, an die ich schon lange nicht mehr gedacht hatte. Sie wusste einfach welche Fragen sie stellen musste. Insgesamt war es wirklich ein sehr gutes Gespräch! Ich war froh und sicher das dies eine richtige Entscheidung war. Andererseits fühlte ich mich danach aber auch echt schlecht. Sie führte mir „Baustellen“ vor Augen, die ich lange verdrängt hatte oder die ich für mich versucht hatte „schön zu reden“. Sie riet mir dringend davon ab momentan arbeiten zu gehen und meinte ich würde in einer schweren depressiven Episode sein.

Aber ich wusste es ja besser….

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Nach meinem Weihnachtsurlaub ging ich wieder ganz normal in die Arbeit. Die ersten Tage waren auch noch ganz okay. Viele meiner Kollegen waren noch im Urlaub und auch insgesamt war es in der Firma noch sehr ruhig.

Dann kam der 13. Januar 2020. Ich fuhr morgens ganz normal in die Arbeit, aber schon kurze Zeit später saß ich wie geistesabwesend auf mein Bürostuhl. Ich saß da, wusste ich müsste jetzt anfangen mit arbeiten, aber es ging nicht. Es ging einfach nicht. Ich hab mich umgeschaut, ins Nichts, und ich konnte NICHTS tun. Für jemanden der das nicht erlebt hat mag das unvorstellbar klingen. Aber es war tatsächlich so. Ich ging zu zwei Kolleginnen ins Büro im Stockwerk über mir und fing dort eigentlich gleich unmittelbar an zu weinen und sagte nur „Ich kann nicht!“ Sie waren wirklich lieb und redeten auf mich ein. Ich sollte doch heim gehen, das bringe doch nichts.

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Eine andere Kollegin begleitete mich dann schließlich auch ins Parkhaus zu meinem Auto. Ich fuhr direkt zu meiner Psychologin und seitdem bin ich bis heute krankgeschrieben.


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Ich hatte das Glück sehr schnell einen Psychotherapeuten zu finden. Für den sogenannten Konsiliarbericht (braucht man für den Beginn einer Psychotherapie) bescheinigte mir meine Psychologin:

„Es liegt eine an Intensität eher zunehmendes depressives Syndrom in Form von Antriebsschwäche, Überforderungsgefühl, Erschöpfungsgefühl, Affektlabilität, psychovegetativen Beschwerden, Ängsten über körperliche Gesundheit, Panikattacken, Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen, Grübeln vor. Krankheitsaufrechterhaltend ist eine Überforderungssituation am Arbeitsplatz, zudem bestehen weitere psychosoziale Belastungsfaktoren. Diagnostisch liegt eine schwere depressive Episode sowie eine somatoforme autonome Funktionsstörung vor.“

Okay und jetzt?

Die nächsten Wochen / Monate hatte ich überhaupt keinen Plan mehr. Ich, die sonst immer ALLES managte, die immer perfekt organisiert war und die immer einen blöden Spruch auf den Lippen hatte, wusste plötzlich nicht mehr wie es weitergehen sollte. Tatsächlich ging mehrere Wochen so gut wie gar nichts. Weinen ging und schlafen ging auch. Ich war die erste Zeit so unfassbar müde und habe tatsächlich die meisten Zeit nur gelegen. Ich habe viel geweint. Manchmal wusste ich gar nicht warum.

Im Haushalt blieb das meiste liegen. Bestenfalls lag ich in Jogginghose auf der Couch, aber an vielen Tagen blieb ich einfach gleich den ganzen Tag im Schlafanzug.

Zähneputzen und Duschen stellte schon eine absolute Herausforderung dar und waren sehr oft alles, was ich an einem Tag geschafft habe. Meiner Tochter gegenüber hatte ich sehr oft ein schlechtes Gewissen, weil ich nicht so für sie da sein konnte wie ich es wollte. Trotzdem waren das dann Momente in denen ich mich absolut versucht habe zusammenzureißen. Generell wollte ich wirklich viel tun und habe es auch immer wieder probiert. Ich glaube jeder der diese Krankheit hat oder hatte, weiß wovon ich spreche, aber es fällt wirklich schwer es in Worte zu fassen.

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Die Tage erscheinen so nutzlos. So unglaublich viele Gedanken und Gefühle im Kopf, das man denkt „dir platz gleich der Schädel“. Ein Gedanke führt zum Nächsten und letztendlich führt aber alles ins Nichts. Man sucht Antworten auf Fragen die man nicht wirklich kennt, man denkt und denkt ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Mitunter konnte ich die Gedanken gar nicht mehr klar ordnen, es wirkte größtenteils alles total durcheinander. Gequirltes Gedankenchaos übersäht mit viel zu vielen Gefühlen.

Und für mich das schlimmste daran war dieses Bewusstheit!

Ich war mir meiner Lage vollkommen bewusst! In jedem einzelnen Moment – Tag für Tag. Aber ich war unfähig irgendetwas daran zu ändern! Die Tage scheinen unendlich lang zu sein. Man fängt an einfach alles und jeden in Frage zu stellen, mitunter die eigene Existenz. Man fühlt sich kraftlos, nutzlos, überflüssig, unwichtig, dreckig und so viel mehr.

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Nachdem man viel zu lange alle Warnzeichen die einem der Körper gesetzt hat ignorierte hat, ist er auf null runtergefahren. Und das mit so einer Wucht, wie als würde jemand die Notbremse in einem Zug ziehen. Aber es ist genau das!

Eine Notbremse!

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Aber auch Weichen kann man ganz neu stellen….

Doch dazu ein anderes Mal mehr 🙂


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2 Gedanken zu „Wo geht´s lang bitte?“

  1. Liebe Alex,
    ich finde mich in Deiner Geschichte und in Dein Erlebtes wieder und kann es so gut nachempfinden, weil ich auch in so einer Situation war…
    Gerade wir „starken“ Frauen, die alles im Griff haben, haut es denn so aus der Bahn!
    Die Weichen nicht zu verpassen, das muss man echt auch „erlernen“…
    Ein Prozess…

    Ich danke Dir, dass Du uns an Deiner Geschichte Teil haben lässt! 😊
    Toll geschrieben Liebes!
    LG Emanuela

    Gefällt mir

    1. Ganz ganz vielen liebe Dank liebe Emanuela! Ich freue mich wirklich sehr wenn ich mit dem was hier schreibe ein paar Leute erreiche. Ich weiß einfach aus eigener Erfahrung wie gut es tun kann, zu wissen, dass man mit all dem was man erlebt hat nicht alleine ist.

      Gefällt 1 Person

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